3 Monate Uganda - Ein Bericht unserer freiwilligen Helferin Melanie
Drei Monate Uganda. Drei Monate Zigoti. Drei Monate St. Marys School. Drei Monate KINDERN EINE CHANCE. Wie soll ich all diese Erfahrungen nur in einen Bericht packen? Ich kann es ja nur versuchen und einfach anfangen. Und „einfach anfangen“ ist eigentlich ein gutes Stichwort, um die Arbeit hier in Zigoti zu beschreiben. Wenn man nämlich zu Hause in Österreich beschließt, bei diesem Projekt zu helfen, kann man versuchen, sich mental auf dieses „Abenteuer“ vorzubereiten. Aber eines kann ich nun mit absoluter Sicherheit sagen: Es wird anders! Es wird besser, es wird manchmal härter – aber es wird auf jeden Fall anders, als man sich das zu Hause vorstellen kann. Und wenn man als Europäer an diesen Platz kommt, weiss man zu Beginn gar nicht, wo man anfangen soll zu helfen. Man könnte sich wohl tagelang den Kopf zerbrechen, wie man am besten vorgehen soll, aber am besten ist wohl einfach anzufangen...
Und so habe auch ich nach einigen Tagen Eingewöhnungsphase angefangen zu helfen. Für KINDERN EINE CHANCE steht die Bildung im Mittelpunkt. Denn nur durch eine gute Bildung können die Kinder hier in eine bessere Zukunft starten. Und so waren meine Hauptaufgaben als freiwillige Helferin diesem Bereich gewidmet. Gemeinsam mit Allen, der Matronin, habe ich versucht, ein nettes und lehrreiches Freizeitprogramm für die Kinder zu gestalten. So wurde gebastelt, gespielt, gesungen oder gemeinsam gelesen. Zu diesen Freizeitaktivitäten habe ich noch zusätzlich zweimal die Woche als Stützlehrkraft in zwei verschiedenen Klassen mitgeholfen. Und das war für mich oft nicht sehr einfach. Die Unterrichtsmethoden hier in Uganda sind nämlich sehr gewöhnungsbedürftig. Es wird recht einseitig unterrichtet und die Lehrer gehen nach einem strikten Plan vor. Die Kinder fragen eigentlich nie nach, wenn sie etwas nicht verstehen und ich bin mir sicher, dass das sehr oft vorkommt. Und auch hier heisst es, einfach anfangen. Anfangen mit einfachen Multiplikationsspielen, anfangen mit Erklärungen, anfangen mit Lehrern über ihre Unterrichtsmethoden zu sprechen und eventuell Optimierungsvorschläge zu geben. So habe ich doch zumindest in einer Klasse bewirkt, dass die Übungen, die zuvor allein von den Kindern in den Stunden gemacht wurden, nun gemeinsam mit der Lehrerin an der Tafel gemacht werden und sie jedes Beispiel nochmals erklärt. Und den Hausübungen zu Folge, die Allen und ich mit den Kindern am Abend gemacht haben, hat das teilweise schon etwas geholfen.
Zu diesen Aufgaben habe ich mich sehr darum bemüht, den Kindern, die hier in der St. Marys School wohnen, einen gewissen Ordnungssinn beizubringen. So habe ich gemeinsam mit Allen und Hellen, einer langjährigen Lehrerin, die „Dorm-Competition“ ins Leben gerufen. Hier werden die Dorms nach gewissen Kriterien einmal in der Woche bewertet. Kriterien waren hier etwa: werden die Kleider an den dafür angebrachten Nailbords aufgehängt, sind die Moskitonetze angebracht, werden Bettlaken verwendet, usw. Jede Woche haben die Dorms dafür Punkte bekommen und nach drei Wochen wurden diese zusammengezählt und der Gewinner-Dorm verkündet. Wir haben den Dorms hier auch die Möglichkeit gegeben, selbst mögliche Gewinne zu bestimmen. Zu Beginn kamen hier recht lustige Ideen, wie eine Kuh oder ein Schaf. Im Endeffekt haben sich die Dorms, sehr zu meinem Erstaunen, fast einheitlich auf sehr vernünftige Preise entschieden. So hätten sich die Einen Vorhänge für ihren Dorm gewünscht, Andere eine Matte für den Boden und die tatsächlichen Gewinner der ersten Competition – die Jungs – eine Alarmuhr. Wie sehr sich die Burschen darüber gefreut haben, kann man in Worten gar nicht ausdrücken. Diese Begeisterung für sehr einfache Dinge überraschten mich immer wieder aufs Neue. Jeden zweiten Samstag gab es etwa eine „Special-Movie-Night“. Hier haben wir uns unter anderem auch einmal „Shrek“ angesehen. Und als an einem Punkt des Films Prinzessin Viola einige Angreifer bekämpft hat, haben die Kinder lauthals geschrien und geklatsch. Und Thomas hat dann zu mir gesagt: „Melanie, i am sure you could do that also“.
So nett das auch alles klingen mag, gab es natürlich auch Tage, an denen ich am liebsten meine Koffer gepackt hätte und heimgeflogen wäre. Zum Beispiel an Tagen, an denen ich einfach nicht mehr gewusst habe, was ich tun soll. An Tagen, an denen ich bemerkt habe, dass Lehrer die Kinder in den Klassen nach wie vor mit den Stöcken schlagen. Und zwar jene Kinder, die in den Tests schlecht abgeschnitten haben. Dass dies nur kontraproduktiv sein kann, haben einige Lehrer einfach nicht wahrhaben wollen. An diesen Tagen bin ich dann in meinem Zimmer gesessen und habe einfach nicht mehr gewusst wohin mit meiner Wut. Gottseidank ist mit Cesar, dem Schuldirektor, hier jemand vor Ort, der solch Ungerechtheiten nicht duldet und diesen Lehreren auch die Stirn bietet. Und das hat mir dann wieder Mut gegeben, dass sich etwas ändern kann.
Und ist man dann einmal eine gewisse Zeit hier und hat Vertrauen zu den Kindern aufgebaut, ist das, was man von ihnen bekommt, unbezahlbar. Wenn ich am Abend zu den Kindern in den Schlafsälen ging, ihnen eine Gute Nacht wünschte, dann bin ich manchmal einfach nur dagesessen und habe mir ihre friedlichen Gesichter angesehen. Denn hier können sie nun wirklich friedlich schlafen. Ich werde wohl nie genau wissen, welche Vergangenheit manche von ihnen durchmachen mussten, und wahrscheinlich ist das auch besser so. Aber wenn ich sie dann im Schlaf beobachtet habe, habe ich mir sehr oft gedacht, was wohl einmal aus ihnen werden wird. Margret etwa, die jetzt schon eine absolute Kämpfernatur ist, oder Florence, die mit ihrem Charme und ihrem süßen Lächeln jeden bezaubert, oder Brenda mit der rauchigen Stimme, die so kühn zu sein scheint, oder Isiah, der mich jeden Tag erneut zum Lachen bringt, oder, oder, oder, ...
Jedes einzelne dieser Kinder hat eine Chance auf ein besseres Leben verdient und durch KINDERN EINE CHANCE haben und werden sie diese auch bekommen.
Und ganz egal, wie hart ein Tag auch war, den Kindern am Abend Gute Nacht sagen, dann auf der Veranda sitzen und Sternschnuppen zählen ... das hat mich jeden Tag aufs Neue bekräftigt und bestätigt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und das Richtige zu tun. Ich werde die Kinder sehr vermissen und möchte mich auf diesem Weg auch bei KINDERN EINE CHANCE bedanken, dass ich diese Lebenserfahrung machen konnte, die mein eigenes Leben sehr bereichert hat.
Melanie, Mai 2010 |