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Die aktuellen Reisetagebücher von Gabi und Stefan:
Reise Jänner - März 2012


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Kulturschock

Erst kürzlich ist mir die zynische Wortkonstruktion  in einem Reisehandbuch wieder untergekommen. Wie kann man über eine Kultur schockiert sein? Was mich schockiert, ist die unglaubliche Armut in vielen Ländern der Erde und die bricht nur selten wie ein Tsunami über ein Land herein. Dafür gibt es, wie wir ja alle wissen, ganz konkrete wirtschafts- und geopolitische Gründe.

Einer meiner Vorgänger hat den Mitarbeitern von „Kindern eine Chance“ den folgenden Rat gegeben: Keine Vergleiche anstellen, es ist nichts besser oder schlechter, „it is different and interesting“. Mir gefällt dieser Satz sehr gut, aber zum  Faktum, dass hier vieles anders ist möchte ich noch etwas ergänzen.

Ich habe auf vielen Reisen eher die Erfahrung gemacht, dass die Welt zumindest was die Bedürfnisse der Menschen betrifft, gar nicht so verschieden ist. Die Leute bauen fast überall ähnliche, dem Klima und den finanziellen Möglichkeiten angepasste Häuser, verkaufen ihre Waren auf ähnlichen Märkten, beten zu Göttern die sie vor Schicksalsschlägen bewahren sollten, lieben ihre Familien und Kinder und hoffen auf mehr Geld, um sich das Leben komfortabler machen zu können. Niemand kann mir weiß machen, dass man auch ohne Geld glücklich sein kann (Wieder so eine zynische Rechtfertigung unseres Wohlstandes). Dass in  Entwicklungsländern vieles anders oder langsamer läuft ist fast immer eine Folge fehlender  Ressourcen und katastrophaler Infrastruktur.

gunter_schl_b350Ich selbst habe noch vor ein paar Wochen darüber gelacht, dass drunten an der Hauptstrasse in Zigoti in den zu betonierenden Wasserdrainagen bereits der eingestreute Mais zu reifen beginnt und es werden wohl noch mehrere Maisgenerationen aufgehen, bis der Graben  fertiggeschaufelt und betoniert ist.
Aber wenn man dann in der Mittagshitze an den Arbeitern vorbeikommt und sieht, wie sie schwitzend mit einer Spitzhacke den Asphalt aufreißen, dann sieht man die  Sache schon anders.

Ich bin seit zwei Monaten täglich mit irgendwelchen Reparaturarbeiten beschäftigt und weiß inzwischen wie frustrierend es ist mit unzureichendem Werkzeug und Material arbeiten zu müssen. Jeder Nagel, mit dem man ein Regal befestigen möchte verbiegt sich, oder man findet erst gar keinen passenden Nagel und versucht daher einen alten wieder gerade zu biegen. Mitten in Lötarbeiten fällt der Strom für viele Stunden aus. Der Draht zur Befestigung einer Dachrinne ist kaum zu biegen und zerbricht im ungeeignetsten Moment. Will man ein Loch in die Dachrinne bohren, um sie mit Draht zu befestigen, so gibt es dafür keinen Metallbohrer, sondern man ist abermals auf Hammer, Nagel und einen Stein als Unterlage angewiesen. Stehen wir dann stolz vor einem reparierten Werk, so ist uns das letztlich doch nur mit Reparaturtape aus einem Österreichischen Baumarkt und dem mitgebrachten „Leatherman“ gelungen. Diese Liste von kleinen Hindernissen könnte ich noch seitenweise fortsetzen.

Ein großes Problem ist auch der ständige Stromausfall. Für eine sichere Energieversorgung bräuchte Uganda ca. 3 Mal mehr Energie als derzeit vorhanden. Treibstoff ist so teuer, dass sich ein studierter Lehrer gerade 50 Liter Diesel im Monat leisten kann, dann ist sein Gehalt weg.
Man fragt sich, warum die Leute nicht politisch aktiver werden und Änderungen einfordern. Cindy, unsere Junior Sekretärin, hat mir kürzlich erzählt, dass sie Gott sei Dank mit ihren 19 Jahren noch keine größeren Unruhen erleben musste. Nur heuer im Februar kurz vor dem ohnehin klaren Ausgang der Präsidentenwahlen gab es Unruhen und viele Leute erinnerten sich an Bürgerkriegszeiten und hatten ganz einfach Angst. Das Regime weiß natürlich diese Angst sehr gut für die eigenen Interessen zu nutzen.

Dass viele Leute aufgeben und viele Dinge ganz einfach vergammeln lassen ist oft kein Wunder. Die Leute sind schlecht ausgebildet, aufgrund oftmals schlechter Bezahlung nicht gerade hoch motiviert und es fehlt ihnen aufgrund traumatischer Erlebnisse einfach am nötigen Selbstbewusstsein. Viele Afrikaner glauben tatsächlich dümmer und untalentierter als die Europäer zu sein. Aber ihr könnt mir glauben, bei all meinem Verständnis für die Leute hier, verliere ich auch manchmal die Nerven und werde ganz einfach sauer. Konflikte mit den Erwachsenen gibt es mehrmals in der Woche.

Problemlos sind die Kinder. Und genau hier setzt die Arbeit von Kindern eine Chance an. Die NGO unterstützt das Projekt mit Spendengeld und erwartet sich dafür vor allem die engagierte Mitarbeit der Erwachsenen. Sie sind Vorbild für die Kinder und ihnen muss klar gemacht werden, dass dieses System irgendwann auch ohne Hilfe aus Europa funktionieren sollte. Das allerdings ist mühevolle Kleinarbeit und Fortschritte gibt es nur langsam. Die Hoffnung ist, dass gut ausgebildete und selbstbewusste Kinder irgendwann dieses Land in eine bessere Zukunft führen können.

Hier ein kleines Beispiel :
Ich Versuche drei mal in der Woche den Kindern ein paar Grundlagen zur Benutzung eines Computers beizubringen. Zudem unterrichte ich am Samstag für zwei Stunden praktische Elektrotechnik. Da baue ich dann Fehler in unser Solarsystem ein und die Kinder müssen analytisch vorgehen um den Fehler zu beheben. Diese Arbeit macht ihnen großen Spaß und stärkt ganz offensichtlich das Selbstbewusstsein der Kinder. Wir haben schon einige Erfolge erreicht und auch die beiden Mädchen in der Gruppe können inzwischen zwei Kabelenden zusammenlöten. Abdul träumt schon davon für ein wenig Geld Taschenlampen zu reparieren. Vielleicht reicht die Motivation, dass sich die Kinder für die elektrische Energieversorgung der Schule zuständig fühlen und eines Tages kleinere Arbeiten ohne Hilfe der anwesenden Europäer durchführen können. Ich bin jedenfalls sehr optimistisch, dass die Arbeit von „Kindern eine Chance“ ein kleiner Beitrag ist, um ein Afrikanisches Land in eine bessere Zukunft zu führen und es ist ein gutes Gefühl dabei seine Spuren hinterlassen zu können.

Gunter ist seit September 2011 in Uganda und wird noch bis Jänner vor Ort mitarbeiten.

 

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