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07.09.2015

2015 - Bericht von Selina

2015 - Bericht von Selina

Abschlussbericht

Motivaton

Vor ein bisschen mehr als einem Jahr habe ich meinen Bachelor in Ergotherapie abgeschlossen. Während der Ausbildung musste ich feststellen, dass in jedem ergotherapeutischen Modell der kulturelle Aspekt thematisiert wird. Da mir dieser kulturelle Aspekt in der Theorie zu abstrakt war, wollte ich herausfinden, wie sich die Kultur auf die Person und die in der Ergotherapie im Fokus stehenden Alltagshandlungen auswirkt. So entschloss ich mich nach einem kurzen Vorstellungsgespräch in Innsbruck nach Uganda zu reisen und in der „Christoph Bettermann Schule“ von „Kindern eine Chance“ mitzuarbeiten.

Arbeit als Ergotherapeutin

Hier in Uganda hat die Ergotherapie vor allem das Ziel die Kinder zu befähigen, ihre Alltagshandlungen möglichst selbstständig ausführen zu können. Dies sind Aktivitäten wie beispielsweise Geschirr spühlen, sich Anziehen, mit dem Rollstuhl auf die Toilette gehen oder auch Karotten ernten und essen.

Um mit den Kindern diese Alltagsaktivitäten erarbeiten zu können, musste ich mich zuerst in den ugandischen Alltag hineinfinden und beispielsweise lernen, wie man die Aktivität Geschirrspühlen hier in Uganda überhaupt ausführt.  So war ich sehr froh, dass mich die damalige Ergotherapeutin Prossy in die Abwaschgruppe eingeführt hat. Dies funktioniert nämlich folgendermassen: Man macht auf der Wiese eine Waschstrasse mit fünf Basins. Erste Station: Restlicher Posho und Bohnen aus dem Plastikteller herausklopfen, dann direkt mit der Hand vorspülen und den Teller ins nächste Basin werfen. Hier werden die Teller und Löffel mit einem Stück Maismehlsack als Schwamm und der Universalseife geschrubbt. Anschliessend fliegen sie weiter ins nächste Basin für das Nachspühlen und anschliessendem Abtropfen im fünften und letzten Basin.

So lernte ich Schritt für Schritt den ungandischen Alltag kennen. Die Kinder haben mir mit ihrer offenen und zugänglichen Art sehr geholfen mich einzuleben. Sie haben die unterschiedlichsten Behinderungen und Eigenheiten, sind aber alle sehr motiviert für die Therapie und für jegliche Aufmerksamkeit dankbar. Dies erleichtert vieles. Bei der Zusammenarbeit mit den Erwachsenen waren die Berührungsängste anfangs grösser, haben sich dann aber im Laufe der Zeit auch gelegt. 

Meine Arbeit hier empfand ich als sehr vielseitig. Ich habe einerseits punktuell mit einer ganzen Klasse und der Lehrperson gearbeitet. Beispielsweise fürs Skillstraining, bei dem man mit den Kindern den Pausensnack vorbereitet. Andererseits habe ich die Kinder einzeln therapiert in Form von beispielsweise Anziehtraining oder spielerische Übungen. Am Nachmittag arbeitete ich oft mit Kleingruppen. Im Austausch mit den ugandischen Ergotherapeuten kam es immer wieder zu spannenden Diskussionen und ich fand die Zusammenarbeit sehr angenehm. Denn obwohl die Ergotherapie hier weniger spielerisch aufgebaut ist und die Möglichkeiten für Adaptationen sehr begrenzt sind, haben wir uns bei den Grundgedanken immer wieder gefunden. Ein Rückschlag habe ich allerdings erlebt, als sich die Ergotherapeutin von einem Tag auf den anderen ohne einen Grund zu nennen verabschiedet hat. Das war für mich anfangs überhaupt nicht nachvollziehbar, wie man ohne eine Übergabe zu machen, sich einfach aus dem Staub machen kann. Ich konnte mich nicht mal richtig verabschieden und hatte noch tausend Fragen. Aber so lernte ich einen weiteren kulturellen Unterschied kennen, dies passiere hier ab und an mal wieder wenn jemand an einem anderen Ort eine passendere Stelle gefunden hat, denn eine Kündigungsfrist kennen sie nicht. Aber so schnell wie die eine Ergotherapeutin gegangen ist, so schnell war wieder ein Ersatz gefunden. 

Neben meiner Arbeit in der „Christoph Betterman Schule“ konnte ich auch noch in andere Bereiche von „Kindern eine Chance“ hineinschauen. So war ich bespielsweise einen Tag mit der Sozialarbeiterin unterwegs und habe Familien besucht, die von der Organisation unterstützt werden. Dies fand ich sehr eindrücklich und die Besuche haben mir gezeigt, dass es neben den Kindenr mit Behinderungen in den Familien noch weitere Schwierigkeiten gibt. So zeigten sich bei allen fünf verschiedenen Familien, die wir besucht haben, unterschiedliche Problemstellungen. Die Gemeinsamkeit war allerdings, dass überall Schwierigkeiten auf verschiedenen Ebenene vorhanden waren. So war oft Krankheit und oder das hohe Alter der Caretaker ein Thema, aber auch die Haushaltsführung und die Beziehung zwischen Mann und Frau wurde angesprochen. Was ich auch sehr beeindruckend fand, ist, dass die Sozialarbeiterin nach einem einfühlsamen Gespräch auch gleich praktisch gearbeitet hat. Also gleich mit den Kindern oder Caretaker geputzt hat, die weggelaufene Ehefrau wurde angerufen oder die zerrissenen Schuluniorm ersetzt. Dieses praktische und lösungsorientierte Arbeiten hat mich sehr beeindrukt!

Grundsätzliches Arbeiten

Eine Barriere, die ich allerdings nie zufriedenstellend überwunden habe, ist die Sprache. Denn mit den einzelnen Wörtern auf Luganda, die ich mir in der Zeit aneignen konnte, bin ich nicht in der Lage ein Gespräch zu führen. So finde ich es sehr schade, dass ich nicht fähig bin, die Kinder zu fragen, welches ihr Lieblings-T-Shirt sei oder ob sie zu Hause auch einen Mangobaum im Garten hätten.

Das Wasser war auch immer mal wieder ein Thema, dass mich hier beschäftigt hat. Denn die Tatsache, dass Wasser nicht immer und überall in unbegrenzter Menge zu Verfügung steht, habe ich davor noch nie erlebt. So habe ich einen bewussteren Umgang damit gelernt und gemerkt, wie aufwändig und körperlich anstrengend es ist, ohne fliessendes Wasser zu leben.

Leben in Zigoti

Das einfache Leben hier in Zigoti brauchte bei mir sicherlich eine Eingewöhungsphase. So musste ich zuerst lernen, wie man mit zwei Flaschen kaltem Wasser duscht, und merken, was man ohne Kühlschrank beachten muss. Aber mit einer positiven Grundeinstellung und ein bisschen Zeit gewöhnt man sich an vieles.

Froh war ich auch über die anderen Volunteers, die mich trotz meines schweizer Akzentes in ihre gesellige Runde aufgenommen haben. Die Zusammenarbeit mit ihnen in der Schule, sowie das gemütliche Beisammensein am Abend, fand ich sehr bereichernd. Auch haben sie mich ins Dorfleben eingeführt, mir gezeigt, wie man die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt und sich in der Großstadt Kampala bewegt. So haben sie mich vor vielen Anfängerfehler bewahrt J

Ich bin nun um viele schöne Erlebnisse reicher, durfte interessante Leute kennen lernen, habe aber auch einige schwierige Situationen erlebt, die mir sehr nahe gegangen sind. Die Zeit hier in Uganda werde ich sicherlich noch lange in Erinnerung behalten und ich kann nun sagen, dass ich eine konkretere Vorstellung vom „kulturellen Aspekt“ und seinen Auswirkungen habe. 

Herzlichen Dank für die schöne Zeit!