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06.04.2020

2020 - Bericht von Gunter Schlemmer

2020 - Bericht von Gunter Schlemmer

UGANDAS SCHULSYSTEM WIRD MODERNISIERT

Inzwischen könnte ich es ja wissen und trotzdem bin ich jedes Mal überrascht, wie sehr sich das, was man in der europäischen Komfortzone geplant und vorbereitet hat von dem unterscheidet, was man letztlich macht, wenn man in der ugandischen Realität angekommen ist.

Viele Kilo Experimentiermaterial und Worshopunterlagen habe ich umsonst nach Uganda und wieder zurücktransportiert, weil die Umstände vor Ort einen ganz anderen Fokus notwendig gemacht haben. In den letzten 1,5 Monaten (ich war von Jänner bis Mitte März vor Ort) habe ich mich hauptsächlich mit den neuen Lehrplänen in den Sekundarschulen Ugandas und mit Problemen der Schuladministration befasst. Noch viel wortreicher und rosarot wolkiger als bei uns in Österreich, haben reformwütige PädagogInnen vom Schreibtisch aus viele Seiten Papier mit den berüchtigten Schlagworten wie - schülerzentriertes Lernen, formative und summative Beurteilung, kompetenzorientiertes Unterrichten, verpflichtender Einsatz von Informationstechnologie um die die Jugend fit fürs 21 Jahrhundert zu machen, usw. - beschrieben.

Die meisten dieser geplanten Reformen machen schon Sinn und sind im sehr konservativen und rückständigen Bildungssystem Afrikas schon längst überfällig. Aber grundlegende Veränderungen würden auch eine rechtzeitige Vorbereitungen und die nötige Infrastruktur voraussetzen. Vor allem müsste viel mehr darauf geachtet werden, dass auch ländliche Gegenden von den ambitionierten Veränderungen profitieren können. Den LehrerInnen wurden zwar erklärende Unterlagen und Fachbücher versprochen, die aber erst sehr spät oder teilweise bisher auch gar nicht zur Verfügung gestellt wurden. Manche Unterlagen sind zwar inzwischen im Internet zum Download verfügbar, aber wer in Uganda hat einen Computer, abgesehen von den reicheren Leuten in den urbanen Gegenden? Der Zugang zum Internet ist vor allem in den ländlichen Regionen fast unmöglich. Wenn man es schafft einen Accesspoint mit dem Handy einzurichten, dann übersteigen die Downloadkosten bald die finanziellen Möglichkeiten. Immerhin kostet 1 GB für eine Woche ca 2 Euro und das beim Monatsgehalt eines Lehrers von rund 70 Euro. Und von der Downloadgeschwindigkeit brauchen wir gar nicht zu reden.

Ich habe in unseren Schulen in Bongole und Natete zwar Lehrercomputer mit Unterrichtsmaterial und administrativen Hilfen wie Klassenlisten, Programmen zur Erstellung und Speicherung von Schülerleistungen, Programmen zur Stundenplanerstellung, Simulationen von physikalischen und chemischen Experimenten, und vielem mehr eingerichtet und es gibt auch LehrerInnen, die mich bei dieser Arbeit mit konstruktiven Ideen und technischem Know How unterstützt haben, aber der größere Teil der LehrerInnen fühlt sich von der plötzlichen Digitalisierungswelle überfordert.

Der Frust mancher Lehrerkollegen an meiner Schule in Innsbruck, wenn abermals neue Computerprogramme eingeführt wurden, oder wenn unvermeidliche Programmfehler anfangs auch Mehrarbeit zur Folge hatten, ist mir noch lebhaft in Erinnerung. Auch ich habe den Computer oft verflucht. Aber wir hatten in Europa wesentlich mehr Vorlaufzeit, um uns an die neue digitale Welt schrittweise gewöhnen zu können.

Den LehrerInnen in Uganda werden vom Bildungsministerium schon auch Workshops und ergänzende Erläuterungen zum neuen Lehrplan angeboten. Mein Eindruck ist aber, dass die zahlreichen gut gemeinten Fallbeispiele und ergänzenden Erläuterungen oft sehr widersprüchlich verfasst sind oder sich in den wesentlichen Punkten schnell ins Unscharfe verlieren. Und so tragen diese Workshops manchmal auch zur endgültigen Verunsicherung der LehrerInnen bei.

Technische Herausforderungen ohne Ende
Auch die technischen Voraussetzungen sind, zumindest an den meisten Schulen, besonders im ländlichen Bereich, praktisch nicht vorhanden. Technisch sind die Sekundarschulen von Kindern eine Chance recht gut ausgerüstet. So haben wir inzwischen eine ausreichende Versorgung mit Solarenergie, jede Sekundarschule hat wenigstens einen Beamer und ein paar Laptops stehen den Schülern auch zur Verfügung. Viele der gespendeten Geräte sind allerdings mittlerweile nicht mehr topaktuell, einige Akkus und Netzgeräte sind kaputt oder haben unter den feuchten Klimaverhältnissen, Staub und natürlich auch unter unsachgemäßer Behandlung gelitten. Unsere SchülerInnen und viele LehrerInnen haben zwar den Umgang mit robustem Werkzeug und Geräten für die Landwirtschaft gelernt, aber nie mit Hightech Geräten gearbeitet. Außerdem spricht es sich schnell herum, wo technisches Gerät zu finden ist und dann erledigen leider auch manchmal Diebe den Rest. Von der Polizei ist da kaum Hilfe zu erwarten. Dennoch ist ein vergleichsweises regelmäßiges und gutes Arbeiten möglich.

Aber es fehlt auch an Updates für die Software, Virenscanner können ohne Internetanschluss kaum aktualisiert werden. Das Erstellen von Unterrichtsvorbereitungen, Handouts, alphabetisch geordneten Klassenlisten usw. wie es in europäischen Schulen ganz selbstverständlich nebenbei geschieht, wird ohne Drucker und Kopierer oder auch nur einfachem Heftklammergerät, zur zeitaufwendigen Herausforderung. Nur um eine Schachtel Heftklammern zu bekommen war ich kürzlich 30 km mit dem Motorrad zu verschiedenen Shops unterwegs. Letztlich habe ich einen Restbestand von ca. hundert rostige Klammern bekommen.

Prüfungsfragen und Handouts werden von den meisten LehrerInnen handgeschrieben. Diese Unterlagen müssen dann, mit dem Motorrad nach Zigoti in unser Zentralbüro zur Eingabe in den Computer und zum Ausdrucken gebracht werden. Alleine dieser Transport kann in der Regenzeit Stunden in Anspruch nehmen. Danach werden die Originale zum Kopiershop gebracht. Wenn man doppeltes Glück hat, ist der Shop geöffnet und es ist gerade kein Stromausfall. Dann dauert das Kopieren von Testunterlagen für 200 SchülerInnen mit den alten Geräten ein bis zwei Stunden. Die Kopien sollten dann wohl geordnet und trocken im Rucksack mit dem Motorrad zurück in die Schule gebracht werden. 

Ich habe oft in Workshops stolz demonstriert, wie man Unterricht unter Einbindung der Zuhörer lebendiger gestalten könnte, wie effektiv und für die Teilnehmer auch bereichernd Gruppenarbeit sein könnte. Irgendwann ist mir dann auch aufgefallen, dass ich vielleicht 10 freiwillige und daher auch motivierte TeilnehmerInnen als Zuhörer hatte, dass ich für den Workshop meine eigenen funktionierenden und softwaremäßig vorbereiteten Laptops verwende und dass ich den Workshop auch schon genervt abgebrochen habe, weil vor dem Fenster draußen ein Fußballspiel gepfiffen wurde oder die Brassband lautstark geprobt hat.

Die LehrerInnen in Uganda unterrichten meistens wesentlich mehr als 40 SchülerInnen, die sich in engen Bänken zusammendrängen. Jugendliche, die zusätzlich zu den täglich 8 bis 10 Unterrichtseinheiten bereits vor 8 Uhr am Morgen und nach 7 Uhr am Abend mit Wäschewaschen, Schulklassen reinigen, Hausübungen vorbereiten usw. belastet sind.

Ich weiß, wie stressig es ist, wenn eine große Klasse mit gerade 5 Laptops grundlegenden Computerunterricht bekommen soll. Zunächst ist es ein Balanceakt, ohne über die Ladekabel zu stolpern, zu jenen Schülern zu gelangen, die gerade eine Frage haben und Hilfe benötigen. Anschließend muss man in den beengten Verhältnissen zwischen den SchülernInnen erst einen Platz zum Niedersetzen finden um etwas am Monitor erklären zu können. Dass dazu eine ganze Reihe von SchülernInnen zuerst ihren Platz wechseln müssen kostet nicht nur viel Zeit, es macht ganz einfach Unruhe und Lärm. Da hat sich Unterricht mit motivierenden Arbeitsaufträgen und anregenden Diskussionen in Gruppen, wie es in den neuen Richtlinien vorgesehen wäre, bald erledigt.

Man liest in Europa oft von den unmotivierten Lehrkräften und schließlich bleibt der Eindruck, dass diese LehrerInnen einfach faul sind und sich ein feines Leben machen wollen. Natürlich gibt es auch in Afrika freizeitorientierte LehrerInnen, die sich die Sache einfach machen, aber man darf bei solchen Beurteilungen nie die schwierigen Randbedingungen unter denen diese LehrerInnen und auch die SchülerInnen arbeiten müssen, außer Acht lassen.

Auch in Uganda versuchen die meisten LehrerInnen das Beste aus der Situation zu machen. Wenn ich unter diesen Umständen arbeiten müsste und die Gelegenheit hätte, wäre ich höchst wahrscheinlich Wirtschaftsflüchtling. Zudem wird mit dem neuen Lehrplan, parallel zum ohnehin schon sehr verwirrenden alten Beurteilungssystem, ein neues Assessment eingeführt.

Ich habe dann auf Wunsch unserer LehrerInnen versucht dieses neue Notensystem zu verstehen und in Prozentpunkte umzurechnen, sodass Eltern am Visitation Day eine Vorstellung vom Lernerfolg ihrer Kids bekommen können. Die Realisierung meiner Vorschläge und Ideen ist dann aber mehrmals daran gescheitert oder zumindest stark verzögert worden, weil der Informationsfluss in Afrika nie zentral erfolgt.

Man bekommt von verschiedenen Leuten immer nur mehr oder weniger fehlerhafte Informationsbruchstücke . Das ist so wie bei der stillen Post, wo Nachrichten von einer zur nächsten Person weitergegeben und immer mehr verwässert werden bis am Ende unvollständige oder oft völlig falsche Informationen rauskommen. Und so hat es mehrere Wochen gedauert, bis meine EXCEL Programme zur Notenberechnung und -statistik für den alten und den neuen Lehrplan halbwegs funktioniert haben.

Verfrühte Abreise aufgrund von Corona
Und ausgerechnet, als die LehrerInnen endlich ihre Noten eingeben sollten, kam der Corona-Alarm und alle Schulen wurden von einem Tag zum Nächsten geschlossen. Das Chaos auf den Straßen war unvorstellbar, als alle Eltern gleichzeitig ihre Kids von den Schulen nach Hause holen sollten. 

Und genau zu diesem Zeitpunkt habe ich dann noch einen der letzten Flüge nach Europa bekommen. Von den Polizeiübergriffen auf Leute, die ihre Verkaufsstände nicht rechtzeitig geräumt haben, auf die Fahrer von Motorradtaxis, die noch Menschen transportiert haben, habe ich nur mehr von Freunden in Uganda und aus den ugandischen Medien erfahren. 

Und, um zu den ersten Zeilen dieses Berichtes zurück zu kommen, es freute mich trotz der ungeplanten Randbedingungen sehr, dass es in den letzten beiden Tagen vor meinem Rückflug doch noch gelungen ist einen, leider sehr gekürzten Workshop, zum Thema Hardware Basics, zusammen mit sehr motivierten Lehrern durchzuführen.

Bedanken möchte ich mich bei den vielen Lehrern aus Uganda, die in unseren Schulen unterrichten und mir meine Besserwisserei verzeihen und mich immer wieder herzlich willkommen heißen.

Ich spreche sicher auch im Namen aller Mitarbeiter von Kindern eine Chance, dass wir unseren Freunden in Uganda wünschen, diese verunsichernde Zeit schnell und gesund zu überstehen. Wir alle wünschen uns bald in dieses freundliche Land zurückkommen zu können um fortzusetzen was wir bisher zusammen erreicht haben.