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23.03.2010

2010 - Vierter Eintrag: Ugandische Lügenkultur

Vierter Eintrag
Die Wahrheit kommt ans Licht

Seit wir unsere Arbeit in Uganda vor 2,5 Jahren angefangen haben (Bild links: Stefan und Alice im Februar 2008), haben wir viele Geschichten gehört. Und wir haben gelernt, dass selten alle Geschichten wahr sind. Generell nimmt man es vielleicht in Uganda mit der Wahrheit nicht ganz so genau wie vielleicht bei uns in Österreich. Das fängt mit alltäglichen Kleinigkeiten an und betrifft oft Fehler, die jemand macht, und die dann nicht zugegeben sondern durch Lügen „verschönert“ werden. Das ist irgendwie Teil der Kultur hier. Wie es auch Teil der Kultur ist, dass man ungern zugibt, dass ein Elternteil oder Verwandter an AIDS gestorben ist. Meistens hatten diese Leute dann einen „Autounfall“ oder wurden „überfallen“.

Andererseits haben wir im Laufe der Zeit auch schon gelernt, dass sich einige unser Vertrauen durch herzzerreißende Lügengeschichten erschleichen wollten. Bei Erwachsenen waren wir da von Anfang an misstrauisch und sind oft schnell auf die Wahrheit drauf gekommen. Bei den Kindern waren wir eher gutgläubig. Fast alle Kinder waren anfangs Vollwaisen, wohl auch, weil sie dachten, nur so in das Programm von KINDERN EINE CHANCE aufgenommen worden zu sein. Und die Verwandtschaftsverhältnisse und -bezeichnungen in Uganda sind auch so kompliziert, dass es selbst für unsere Mitarbeiter hier vor Ort teilweise eine Weile gedauert hat, bis wir herausgefunden haben, wer nun tatsächlich bei einer „aunt“ lebt, die auch eine Tante ist, oder ob diese „Tante“ vielleicht doch die leibliche Mutter ist. Langer Rede kurzer Sinn: manche Kinder haben wir im Laufe unserer Arbeit zweimal besucht, einmal in dem Heim, das sie ursprünglich für ihres ausgaben, und dann einmal in dem Zuhause, in dem sie tatsächlich, meist eben mit Vater oder Mutter, leben. Und noch nie bis jetzt hat dann die Wahrheit zum Ausschluss des Kindes aus dem Programm geführt. Die Eltern sind so arm, dass sie es sich einfach nicht leisten können, für die Kinder zu sorgen und drängen sie dazu, als „Waisen“ um Unterstützung bei unterschiedlichen Organisationen zu bitten. Wenn man die Lebensumstände sieht, verwundert einen das nicht.

Toms wahre Geschichte

[4_tomas] Unser eigenes Patenkind Tomas, das viele von Ihnen bereits durch unseren ersten Kurzfilm kennen, können wir da auch nicht ausnehmen. Tomas war von Anfang an im Projekt in Zigoti. Bereits als Stefan Anfang 2008 Ian kennenlernte, gehörte Tom zu dieser Gruppe Kindern, die mit Ian zusammenlebten.

Toms Geschichte war die Folgende: Er lebte nach dem Tod der Eltern bei der Großmutter. Als er eines Abends nicht, wie ihm aufgetragen, ein paar Kerzen nach Hause brachte sondern mit leeren Händen auftauchte, hat sie ihn zur Strafe mit kochendem Wasser verbrüht. Danach rannte er weg und landete in Kampala auf der Straße. Dort fand er schnell Freunde, mit denen er Akrobatik Kunststücke einstudierte und so um Geld bei den Passanten bettelte. Ian hat ihn dann von der Straße geholt und nach Zigoti gebracht, wo er schließlich auf Stefan stieß. Und auch er, der viel in Afrika unterwegs gewesen war und von Grund auf eher skeptisch ist, hat anfänglich nie an der Wahrheit von Toms Geschichte gezweifelt

Nachdem Tomas bereits eine Weile im Projekt lebte tauchte sein älterer Bruder Ivan auf, der bis dahin bei Verwandten gelebt haben soll. Irgendwann aber tauchte dann auf einmal der Vater der Burschen auf. Schwer von AIDS gezeichnet haben wir keinen Moment an die vorhergegangene Lügengeschichte gedacht. Dem Mann musste geholfen werden und seit unserem ersten Treffen bekommt er nun regelmäßig Geld für den Transport ins Krankenhaus, wo er einmal monatlich seine AIDS Medikamente abholt. Gut, es gibt also einen Vater. Und die Mutter? Mittlerweile hat uns Tom auch von ihr erzählt und von den 10 weiteren Geschwistern, die er und Ivan haben.

[4_Zu_Besuch_bei_Tom_und_Ivan] Um endlich die ganze Wahrheit herauszufinden haben wir die beiden Buben nun zu Ferienbeginn nach Hause gebracht, wo sie eine Woche mit ihrer Familie verbringen werden. Die Familie lebt ca. 2 Auotstunden nördlich von Massaka in einer sehr ärmlichen ländlichen Gegend. Das Haus der Familie kann man nicht mit dem Auto erreichen, es muss ca. 10 Fußminuten entfernt geparkt werden. Eigentlich kann man aber auch nicht von einem Haus der Familie sprechen. Jetzt in den Ferien leben 12 Kinder und 3 Erwachsene (neben den Eltern noch die Oma) in einer ca. 2,5 mal 6 Meter großen Lehmhütte. Es gibt zweieinhalb Matratzen, ein Moskitonetz und sonst eigentlich nicht viel. Einen kleinen Tisch und zwei Bänke finden wir vor, sind uns aber nicht sicher, ob die nur zu unseren Ehren ausgeliehen wurden. Das Leben der Familie ist äußerst einfach und sicherlich sehr hart. Der Vater kann aufgrund seiner Erkrankung erst seit Kurzem wieder auf dem Feld arbeiten, die Mutter hat ihr Möglichstes getan, um genug anzubauen, das die Familie versorgt und vielleicht ab und zu einen Überschuss zum Verkauf abwirft. Der älteste Sohn Brian besucht die Senior 4 und kommt so oft es geht nach Hause, um zu helfen. Man müsste sich fast wundern, dass Tom und Ivan so darauf drängten in den Ferien heim zu fahren. Was ist eine Nacht auf dem Boden gegen eine Nacht im bequemen Bett unter dem Moquitonetz in der Schule? Was ist Wasser aus einer weit entferneten Quelle gegen Wasser aus dem Wassertank direkt neben dem Schlafsaal? Tom und Ivan tauschen das alles mehr als gerne ein, um bei ihren Eltern zu sein. Das Verhältnis ist ungemein liebevoll, wie man es in Uganda nicht jeden Tag erlebt. Als wir ankommen stürmen uns die Kinder entgegen (übrigens alles Minitaurausgaben von Tom) und umarmen ihre Brüder. Die Mutter küsst ihre Buben zur Begrüßung und der Vater umarmt auch uns beide und will uns gar nicht mehr loslassen. Wir werden mit einem unglaublichen Festmahl bekocht, bei dem alles aufgetischt wird, was die ugandische Küche zu bieten hat. Und extra für uns gibt es sogar Nudeln! Nach dem Essen erklärt uns Toms Vater Damian, was damals wirklich passiert ist.

[4_schlafen_Tom_und_Ivan_und_die_Geschwister] Früher arbeitete er gelegentlich in Kampala und dort lernte er zwei junge Männer kennen, die das Projekt „Voice of Hope“ gegründet hatten. Dort wurden Waisenkinder und vernachlässigte Kinder aufgenommen und es wurde ihnen die Schulbildung ermöglicht. Die Kinder lebten recht einfach. Die Spendengelder, die die jungen Männer auftrieben, investierten sie in ihr eigenes eher aufwendiges Leben. Damian gefiel zwar der Lebenswandel der jungen Leute nicht unbedingt, aber er sah die Chance, dass zumindest 2 seiner Kinder auf diesem Weg in die Schule gehen konnten. Also kamen Tom und sein kleiner Bruder Dani nach Kampala. In dem Projekt dort lernte Tom schnell von älteren Jungs Akrobatik Kunststücke, die sie dann potentiellen Spendern zeigten. Hier lernte Tomas auch seine „neue“ Vergangenheit zu erzählen. Die Geschichte mit dem Wasser und der Oma wurde ihm intensiv eingetrichtert. Wenn dieser süße und schlaue Junge seine Geschichte Spendern erzählte, wurden alle weich (die Brandnarben hat er übrigens davon, dass er sich als Kleinkind mit Porrdige verbühte).
Auch Ian arbeitete anfänglich in diesem Projekt. Er wollte aber aussteigen und selbst für einige Kinder sorgen. Wie weit damals das Wohl der Kinder im Vordergrund stand oder ebenfalls die Aussicht auf Spendengelder eine Rolle spielte, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass Stefan in Zigoti auftauchte, Ian und die Kinder kennen lernte und KINDERN EINE CHANCE gegründet wurde. Von den anfänglich gut 40 Kindern, die Ian in seinem Projekt hatte, sind heute noch knapp 30 Teil unseres Patenprogramms. Die anderen sind zurück zu ihren doch existierenden Familien, die sich nun um die Kinder selbst kümmern.

Der Besuch bei Tom und Ivan war ein sehr eindrückliches Erlebnis. Der liebevolle Umgang der Familie miteinander hat uns sehr berührt und vor allem haben wir uns gefreut, dass die Kinder und die Eltern begriffen haben, dass sie nichts zu befürchten haben, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Eigentlich sind wir jetzt noch mehr als zuvor bestätigt, dass Tom und Ivan genau die Kinder sind, denen wir eine Chance geben sollten!